Geschichte der Neuzeit

Promotionsprojekte

Steffen Dörre: "Die Vermessung der Weltwirtschaft. Ökonomische Deutungseliten in Deutschland und das Wissen über Globalisierungsprozesse (1940-1980)"

Ziel des Projekts ist es, Identitäts- und Alteritätskonstruktionen im ökonomischen Feld zu untersuchen und diese als wirkmächtige Vorstellungen zu begreifen. Gerade durch den Fokus auf die sich wandelnden Peripherien – die „Südländer“, die „entwicklungsfähigen Länder“ und die „unterentwickelten Länder“ –  kann die Genese einer europäischen Identität und die Wirkmächtigkeit von Europavorstellungen in der Ökonomie analysiert werden. Durch die Analyse der Wahrnehmung „fremder Märkte“ und „fremder Völker“ soll also zugleich der Wandel der Selbstbeschreibungskategorien sichtbar gemacht werden. Der Zugriff erfolgt über eine auf die Globalisierung und Europäisierung nach 1945 einflussreiche Gruppe von exportorientierten Unternehmern. Diese wird als Denkkollektiv begriffen, die einen spezifischen Denkstil ausprägte. Fünf miteinander verwobene Aspekte werden dabei untersucht: 1.) die Wahrnehmung des Globalisierungsprozesses, 2.) die geteilten zeitgenössischen Wissensbestände über die wichtigsten „fremden Märkte“ und „fremden Völker“, 3.) die Entstehung nationaler und internationaler Netzwerke zum Zweck des Erfahrungs- und Informationsaustauschs, 4.) den daraus resultierenden Wandel von Selbst- und Fremdbildern sowie 5.) dessen Auswirkung auf die Entscheidungen über Formen und Umfang des Auslandsengagements. Dies geschieht auf breiter, größtenteils völlig neu erschlossener, Quellenbasis. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei einerseits auf nationale, transnationale und transkulturelle Transfer- und Kommunikationsprozesse, andererseits auf den Wandel von Selbst- und Fremdbeschreibungen. Die Arbeit verspricht damit Erkenntnisse zu den mentalen Grundlagen der Europäisierung im ökonomischen Feld und ermöglicht zudem eine theoretische Erweiterung historischer und  ökonomischer Globalisierungstheorien.


Martin Gerth: Die Geschichte des Konsumboykottes in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert

Spätestens seit den Protesten gegen multinationale Konzerne wie Shell und Nike oder ganze Staaten (Südafrika), bei denen Boykotte eine nicht unerhebliche Rolle innerhalb der Kampagnen spielten, ist das Phänomen im öffentlichen Bewusstsein präsent. Demgegenüber wurde den historischen Vorläufern dieser Aktionen – mit Ausnahme der antijüdischen Boykotte während der NS-Zeit – bislang relativ wenig Aufmerksamkeit zuteil. In diesem Sinne ist die Arbeit als systematische Erschließung der Geschichte des Kauf- und Konsumboykotts in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert konzipiert. Anhand der Betrachtung ausgewählter Boykottbeispiele aus unterschiedlichen Jahrzehnten werden Kontinuitäten und Wandel dieser Protestform auf inhaltlicher und organisatorischer Ebene im Zeitverlauf nachgezeichnet. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei jene individuellen und kollektiven Akteure, die aktiv zum Konsumverzicht aufgerufen haben beziehungsweise an der Organisation von Boykotten beteiligt waren. Das betrifft deren Selbsteinschätzung und Motivationsgründe ebenso wie die zur Anwendung gelangten Strategien. Über die akteurszentrierte Analyse der aktivistischen Arbeit soll letztlich der Frage nachgegangen werden, inwieweit es möglich ist, soziomoralische Intentionen und politische Ziele, also genuin marktfremde Elemente, über Marktstrukturen zu verhandeln und durchzusetzen.

 

Moritz Glaser: Wandel durch Tourismus. Die Touristifizierung der spanischen Küstenregionen durch den westeuropäischen Massentourismus, 1960-1990

Ziel des Projektes ist es, die Auswirkungen des Massentourismus in Spanien als Teil einer westeuropäischen Verflechtungsgeschichte zu untersuchen. Ausgehend von der These, dass die soziale Konstitution Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen durch eine zunehmende Interdependenz der europäischen Gesellschaft geprägt wurde, fasst das Projekt den Massentourismus als Bindeglied zwischen den Gesellschaften Nordwest- und Südeuropas auf. Zur Untersuchung sowohl der Kontakte, die sich durch Tourismus ergaben als auch der sozioökonomischen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen, die diese wiederum zeitigten, werden ausgewählte Regionen und Lokalitäten an der spanischen Mittelmeerküste in den Fokus gerückt. Da hier gesellschaftlicher Wandel in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen ist, werden so die translokalen bzw. –regionalen Bezüge dieser Räume sichtbar. Zur Erfassung der Auswirkungen des Tourismus dient das Konzept der Touristifizierung von Räumen, das sich zur Beschreibung und Erklärung einer zunehmenden Einrichtung von Räumen auf die Bedürfnisse von Touristen eignet. In einer sozialgeschichtlichen Rückbindung dieses Ansatzes baut das Forschungsprojekt diesen aus und berücksichtigt auf der Basis von archivalischen Quellen soziale und ökonomische Rückkopplungseffekte. Das Projekt verspricht damit, die Frage zu beantworten, wie der westeuropäische Massentourismus sein transformatives Potential entfaltete, bestimmte Räume völlig umgestaltete und dabei Zielregionen und Herkunftsländer miteinander verknüpfte.

 

Jan Stoll: Von der „versehrten Nation“ zum „selbstbewussten behinderten Bürger“. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung in Deutschland seit 1945

Die Dissertation untersucht die (gesellschafts-)politische Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit von Behindertengruppen und Organisationen von Menschen mit Behinderung in beiden deutschen Staaten seit 1945. Im Zentrum steht dabei die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen, auf die die Organisationen bei ihren Bemühungen jeweils stießen, das gesellschaftliche Bild von Behinderung zu beeinflussen und eigene Interessen durchzusetzen. Als größte Gruppe behinderter Menschen in der frühen Bundesrepublik geraten zunächst die sogenannten Kriegsbeschädigten in den Blick. Deren Verbände waren um die Ausgestaltung einer exklusiven Kriegsopferversorgung bemüht und konnten sich aufgrund ihrer weitreichenden personellen Netzwerke an vielen Stellen durchsetzen. Interessenvertretung der Kriegsopferverbände in den fünfziger Jahren basierte zudem auf einer Interessengleichheit von Verbänden und Staat, die am Ende der Nachkriegszeit an ihre Grenzen stieß. Hier, etwa zwischen 1957 und 1963 entstanden zudem neue Organisationen für Menschen mit Behinderung. Die sogenannten Elternvereinigungen machten deutlich, dass Behinderung nicht nur ein Phänomen war, das Männer betreffen konnte, die aus dem Krieg zurückkehrten, sondern auch Kinder. Aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung aus betroffenen Eltern und wissenschaftlichen Experten konnten Vereinigungen wie die Lebenshilfe für das behinderte Kind Wirkung entfalten und zum Beispiel Veränderungen für Kinder mit Behinderung im Bereich der Bildung und Beschulung erreichen. Seit den frühen siebziger Jahren traten Menschen mit Behinderung im Kontext neuer sozialer Bewegungen in Erscheinung. Sie traten zunehmend für Selbstbestimmung und Selbstvertretung ein. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung trugen somit zum Abbau gesellschaftlicher und physischer Barrieren und gesellschaftlicher Exklusionspraktiken bei. Dabei waren aber jeweils unterschiedliche Hierarchisierungen und Ausschlüsse wirksam, die unter anderem von der Behinderungsart, aber auch vom sozialen Status abhängig waren.

(Manuskript eingereicht)

 

Sebastian Schlund: Geschichte des Behindertensports. Freizeitaktivitäten von Menschen mit Behinderung im Spannungsfeld von Stereotypen und Identitätsbildungsprozessen seit 1945

Das Dissertationsprojekt widmet sich anhand des Behindertensports dem Freizeitbereich von Menschen mit Behinderung. Dabei wird untersucht, auf welche Barrieren Menschen mit Behinderung im Sport in Deutschland seit 1945 stießen und welchen Wandlungsprozessen diese Einschränkungen unterlagen. Gleichzeitig bietet der Bereich der Freizeitgestaltung behinderter Menschen die Möglichkeit, Einblicke in die Strategien der Identitätsbildung in Auseinandersetzung mit Stereotypen über Behinderung nachzuvollziehen und zu prüfen, inwiefern sich Menschen mit Behinderung hierbei an gesellschaftlich tradierte Normvorstellungen anpassten. Daran anschließend gilt es zu untersuchen, wie die soziale Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Behinderung im sportlichen Umfeld einen beiderseitigen Wandel dieser Perzeptionen auslöste und sich somit die Determinanten für die Inklusion von Menschen mit Behinderung auch in einem weiteren gesellschaftlichen Kontext veränderten. Somit versteht sich das Projekt erstens als Analyse von „Behinderung“ als Kategorie sozialer Ungleichheit in einem gesellschaftlichen Teilbereich. Zweitens steht die Untersuchung im Kontext einer vor allem körpergeschichtlich inspirierten Sportgeschichte.

 

Bertold Scharf: Behinderung und Arbeitswelten. Inklusion und Exklusion von Menschen mit Behinderung im betrieblichen Umfeld seit 1945

Die Zuordnung von Menschen zur Kategorie „Behinderte/r“ geschah und geschieht bis heute insbesondere durch den Faktor Arbeit und die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Betreffenden. Lange Zeit galt zudem in der Bundesrepublik und in der DDR die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben als hauptsächliche Aufgabe der Behindertenpolitik und als Lösung dieses 'sozialen Problems'. Wegen der Zentralität des Faktors Arbeit für die Lebenswelt von Menschen mit Behinderung beschäftigt sich das Projekt sowohl mit den gesellschaftlichen Vorstellungen zum Thema Arbeit und Behinderung als auch mit den konkreten Arbeitswelten von behinderten Menschen seit 1945 bis in die 1980er Jahre. Hierbei wird die Ex- und Inklusion von behinderten Menschen in den Blick genommen und auch die Möglichkeiten der Betroffenen, ihre eigenen Arbeitsverhältnisse zu gestalten, sowie die sich daraus ergebenden Aushandlungsprozesse herausgearbeitet. Die Auswirkungen der gesellschaftlich dominanten Vorstellungen von Normalität – beispielsweise hinsichtlich der Leistungsfähigkeit behinderter Menschen – sollen in ihren Wechselwirkungen mit anderen Kategorien sozialer Ungleichheit wie Gender oder sozialer und ethnischer Herkunft untersucht werden. Der geplante deutsch-deutsche Vergleich bietet die Möglichkeit, sowohl die Kontinuitäten deutscher Rehabilitationspolitik als auch die Unterschiede in den ideologischen, ökonomischen und politischen Vorgaben und deren Umsetzung herauszuarbeiten.