Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften

Promotionsprojekt

Heroisierungen in der lateinischen Biographik und Hagiographik in England (ca. 850-1150) (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt widmet sich anhand biographischer und hagiographischer Texte aus der späten Angelsachsenzeit und frühen anglo-normannischen Herrschaftsphase dem Themenfeld der diskursiven Formierung von Eliten im früh- und hochmittelalterlichen England. Ein wichtiges Teilsegment der Untersuchung bildet dabei die Frage nach den in den Texten greifbaren Heldenbildern, welche in Anlehnung an den in Freiburg ansässigen Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen, Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne“ „als personale Verdichtungen gesellschaftlicher Wertordnungen und Normengefüge“1 verstanden werden. Ziel der Untersuchung ist es, durch die Analyse der in den Texten greifbaren Heroisierungsstrategien einen Zugang zur normativen Selbst- und Fremdwahrnehmung der spätangelsächsischen Eliten zu gewinnen, welche sich in der Stilisierung von Leitfiguren gleichsam verdichtend herauskristallisieren und artikulieren. Die kommunikativen Prozesse vor der normannischen Eroberung werden dabei bewusst in das Zentrum der Betrachtung gerückt, da die diskursive Sozialstruktur des spätangelsächsischen England in der Forschung bisher nur wenig Beachtung gefunden hat.

Geographisch weist das Projekt zwei Dimensionen auf. So sollen zum einen Texte aus denjenigen Teilen der Britischen Inseln Berücksichtigung finden, welche im Verlauf des 9. und 10. Jahrhunderts unter den direkten Einfluss der Könige von Wessex gerieten. Zum anderen müssen aufgrund der vielfältigen kulturellen, intellektuellen und personellen Verflechtungen der späten Angelsachsenzeit auch Werke aus Kontinentaleuropa und dem sich erst langsam ‚europäisierenden‘ Skandinavien in die Untersuchung miteinbezogen werden, um möglichen kulturellen Austauschprozessen im Bereich der Leibilddiskurse Rechnung tragen zu können.

Zeitlich erstreckt sich die Untersuchung von der Etablierung und Konsolidierung der Hegemonialstellung der Könige von Wessex in England seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts bis zur ersten Generation der anglo-normannischen Schreiber in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die vielfach als tiefgreifende Zäsur gedeutete normannische Eroberung wird also bewusst nicht als Schlusspunkt der eigenen Untersuchung gewählt, um möglichen Kontinuitäten und langfristigen Strukturen nachgehen zu können, welche den sozialen Formierungsprozessen zugrunde lagen.

Anmerkungen
1 ASCH, Ronald G. / AURNHAMMER, Achim / BRÖCKLING, Ulrich / KORTE, Barbara / LEONHARD, Jörn / STUDT, Birgit / VON DEN HOFF, Ralf, Helden - Heroisierungen - Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948, in: helden, heroes, héros, Bd. 1 (2013), S. 7-14, hier S. 8. online abrufbar unter: http://www.sfb948.uni-freiburg.de/e-journal/ausgaben/012013/03/?page=1