Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein

Politische Gewalt in den Krisenjahren der Weimarer Republik

(Martin Göllnitz (M.Ed.))

Mit dem Waffenstillstand im November 1918 schwiegen keineswegs die Waffen. Während an den Ostgrenzen des Deutschen Reiches, im Baltikum wie in Oberschlesien weitergekämpft wurde, führten Revolution und Konterrevolution innerhalb der Reichsgrenzen zu blutigen Auseinandersetzungen. Die von der neuen, sozialdemo-kratischen Regierung finanzierten Freikorps kämpften sowohl um bisherige Grenzverläufe, als auch gegen kommunistische Aufstandsversuche. Vor allem der Antikommunismus fungierte dabei als Motor der Selbstmobilisierung vieler Freikorpsangehöriger, die sich, obwohl alles andere als republikanisch oder demokratisch gesinnt, in den Dienst der Berliner Regierung stellten.

Unter ihnen befand sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Studenten, die sich aus eigenem Antrieb bereitfanden, in den zahlreichen paramilitärischen Einwohner- und Bürgerwehren gegen die Arbeiter- und Soldatenräte vorzugehen; ganz zu schweigen vom studentischen Engagement hinsichtlich des Kapp-Putsches – nun auf der Seite der Putschisten. In den Bünden, Freikorps und Grenzschutzformationen setzte diese Generation der meist nach 1900 Geborenen an, den heroischen Lebensentwurf zu verwirklichen, der ihnen durch ihr Alter im Ersten Weltkrieg verwehrt worden war. Obwohl oder gerade weil diese junge Elite das Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges nicht aus eigener Erfahrung kannte, konnte sie den Krieg als heroisches Erlebnis stilisieren und das Soldatische zu ihren Tugenden erheben.

Diese Generation der zwischen 1900 und 1910 Geborenen, die in der Forschung als „Kriegsjugendgeneration“ bezeichnet wird, interpretierte Leid, Verlust und Zukunftsangst als positive und geradezu avantgardistische Prädispositionen. Wohl auch deshalb sind viele der Studenten, die ihre berufliche Karriere erfolgreich in den diversen Staats- und Parteistellen des NS-Regimes ab 1933 begannen, seit dem Frühjahr 1919 immer dort zu finden, wo sich im nationalistischen Milieu etwas regte. In Anbetracht dessen, dass diese Generation, die erst in den 1930er Jahren karrieretechnisch zum Zuge kam und zur Stabilisierung bzw. Konsolidierung sowie zur Expansionspolitik des Nationalsozialismus beitrug, in drastischem Maße durch die Ereignisse und Erfahrungen im Gefolge von Kriegsende, Revolution, Besatzungszeit und „Abwehrkampf“ geprägt wurde, erscheint es lohnenswert, die bürgerkriegsähnlichen Anfangsjahre der Weimarer Republik hinsichtlich des studentischen Enga-gements in den Blick zu nehmen.
In dem Forschungsvorhaben soll danach gefragt werden, in welchem Zusammenhang die Nachkriegsmilitanz der Studenten mit dem Krieg stand und welche Rolle die Nachwuchsakademiker in den frühen Krisenjahren der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands einnahmen. Ausgewählte Fallbeispiele sollen zudem dabei helfen, ein Bild des militanten Intellektuellen jener Jahre zu gewinnen.

Vorarbeiten: 

Göllnitz, Martin: Paramilitärs, Terroristen und Verschwörer: Revolutionsangst und konterrevolutionäre Gewalt in Schleswig-Holstein (1919-1922), in: Die Stunde der Matrosen, hrsg. von Sonja Kinzler [eingereicht; erscheint voraussichtlich im Jahr 2018 beim Theiss Verlag].