Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte

                                    Meßkirch

Meßkirch 1575

 

Die „Bindestrich-Wissenschaft“ Wirtschafts- und Sozialgeschichte hat ihre inneren Gemeinsamkeiten, wie Wolfgang Zorn, der Altmeister der Zunft, urteilt, „teils im Zusammenhang von Geist und Natur im Menschenleben (...), teils in Gestaltwerdung in ‚Strukturen‘ und langfristigen Wandlungsvorgängen eines sozialen Systems“. Mithin stehen die ‚kurzen Geschichten‘ wirtschaftlich in begrenzten wie unbegrenzten Räumen handelnder Menschen, von Individuen wie sozialen Gruppen, und ihrer Lebensformen ebenso in Rede, sind Gegenstände wirtschafts-und sozialhistorischer Analyse wie die ‚lange Geschichte‘ ihrer wirtschaftlichen und sozialen Institutionen und Systeme.

Das Fach ist alt, seine Methoden sind wie die jeder Wissenschaft modischen Trends unterworfen und änderten sich, beginnend um 1900 „in Verkleidung der Kulturgeschichte“ (Rolf Walter), mit Zeit. Entstanden ist die Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus den dogmenhistorischen Kontexten der entstehenden Wirtschaftswissenschaften des 19. Jahrhunderts, näherhin aus der älteren wie der jüngeren ‚Historischen Schule der Nationalökonomie’ der Wilhelm Roscher (1817-1894) und Bruno Hildebrand (1812-1886), der Gustav von Schmoller (1838-1917), Karl Bücher (1847-1930) und Lujo Brentano (1844-1931) sowie des 1872 begründeten, heute noch bedeutenden ‚Vereins für Socialpolitik‘. Den Weg in die Selbständigkeit als historisch-akademisches Fach betrat die Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Deutschland mit der 1903 ins Leben gerufenen ‚Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte‘ (VSWG) und mit der ersten Dozentur für Wirtschaftsgeschichte, die die Kölner Handelshochschule 1909 einrichtete (17 Jahre nach der Harvard University). Besetzt wurde sie mit Bruno Kuske. Die noch heute existierende VSWG verstand sich zunächst als Zentralorgan für die junge Disziplin in ganz Europa. In ihr publizierten Georges Espinas (Paris), Henri Pirenne (Gent, 1862-1935) oder Paul Vinogradoff (London) genauso häufig wie deutsche Wirtschafts- und Sozialhistoriker um den bekannten Mitherausgeber Georg von Below (Freiburg/Br., 1858-1927).

Gleichwohl von 1923 bis 1935 Fritz Rörig, der Süddeutsche, der sich in Lübeck die Welt des Hansischen Städtebundes und seiner Wirtschaft erschloss, an der Universität Kiel lehrte, wurde die Kieler Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte erst 1995/96 begründet. Wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Professur, sind von unserer epochalen Ausrichtung auf das späte Mittelalter (13.-16. Jahrhundert) bezogen und ergänzen somit in der Lehre die Professur für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften. Von unseren Forschungsgegenständen beschäftigen wir uns vornehmlich mit den Ökonomien und den Lebensformen der Einwohner, Bürgerinnen und Herren der europäischen Städte des Spätmittelalters in all ihren vielgestaltigen Facetten. Uns interessieren die bedeutenden herrschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Wandlungsvorgänge, die seit dem späten 12. Jahrhundert zur Entwicklung von Städten als Genossenschaften führten, mithin die schier unglaubliche, weil inmitten einer feudalen Umwelt sich ereignende Geschichte der Urbanisierung Deutschlands und Europas. Uns fasziniert die Geschichte der in diesen Klein- wie Großstädten lebenden oder sie nur als wechselnde Stützpunkte ihrer Mobilität nutzenden Menschen, der Armen und Bettlerinnen ebenso wie der Reichen und Mächtigen, der Kinder und der Alten, der Mägde und Knechte, der Lohnarbeiter, Garnspinnerinnen und Weberinnen, der Hausfrauen und Handwerker, der Nonnen und Kleriker, der Kaufleute und Müßiggänger, der Ratsherren und Stadtherren. Uns interessieren Themen wie die Umweltgeschichte, die sich in den Städten als Innere Urbanisierung, als Kampf um die Sicherstellung der Ernährungsgrundlagen, als Freuden und Leiden an den Naturgewalten gestaltete. Wir arbeiten an den drängenden Fragen der Begrenztheit zeitgenössischer Haushalte, sei es der hoffnungslosen Ökonomien der Armen und der um sie aus religiösen Gründen gestifteten Institutionen, sei es der durch ihre überlieferten Bücher dokumentierten Haushalte der Krämer und Kaufleute, sei es der Budgets ganzer Städte. Wir fragen nach den adligen Herren der Städte, nach ihren höchst differenzierten Motiven, sich bildende städtische Genossenschaften zu privilegieren oder zu bekämpfen, mithin nach den Funktionen von Städten und Märkten für ihre Herrschaft, nach der aufeinander bezogenen, korrespondierenden Bedeutung der Räume, Menschen und Ökonomien herrschaftlicher Hauptorte und der aristokratischen Sphäre adlig-fürstlicher Höfe.