Geschichte der Neuzeit

Promotions- und Habilitationsprojekte

Martin Gerth: Die Geschichte des Konsumboykottes in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert (Dissertationsprojekt)

Spätestens seit den Protesten gegen multinationale Konzerne wie Shell und Nike oder ganze Staaten (Südafrika), bei denen Boykotte eine nicht unerhebliche Rolle innerhalb der Kampagnen spielten, ist das Phänomen im öffentlichen Bewusstsein präsent. Demgegenüber wurde den historischen Vorläufern dieser Aktionen – mit Ausnahme der antijüdischen Boykotte während der NS-Zeit – bislang relativ wenig Aufmerksamkeit zuteil. In diesem Sinne ist die Arbeit als systematische Erschließung der Geschichte des Kauf- und Konsumboykotts in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert konzipiert. Anhand der Betrachtung ausgewählter Boykottbeispiele aus unterschiedlichen Jahrzehnten werden Kontinuitäten und Wandel dieser Protestform auf inhaltlicher und organisatorischer Ebene im Zeitverlauf nachgezeichnet. Im Zentrum der Untersuchung stehen dabei jene individuellen und kollektiven Akteure, die aktiv zum Konsumverzicht aufgerufen haben beziehungsweise an der Organisation von Boykotten beteiligt waren. Das betrifft deren Selbsteinschätzung und Motivationsgründe ebenso wie die zur Anwendung gelangten Strategien. Über die akteurszentrierte Analyse der aktivistischen Arbeit soll letztlich der Frage nachgegangen werden, inwieweit es möglich ist, soziomoralische Intentionen und politische Ziele, also genuin marktfremde Elemente, über Marktstrukturen zu verhandeln und durchzusetzen.

 

Nils Kühne: „Drückeberger“ oder „Held des Alltags“? Zivildienstleistende in Pflegeheimen in der Bundesrepublik Deutschland (Dissertationsprojekt)

Das Dissertationsprojekt untersucht aus sozial- und pflegegeschichtlicher Perspektive, inwiefern Zivildienstleistende den Alltag in Pflegeheimen in der Bundesrepublik beeinflussten. Das Projekt stellt dabei die These auf, dass Zivildienstleistende Katalysatoren waren, die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in die Pflegeheime hineintrugen und somit entscheidend zu den Wandlungsprozessen in den Pflegeheimen seit den 1960er Jahren beitrugen. Da Zivildienstleistende aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters und ihrer oft überdurchschnittlichen Bildung eine spezifische soziale Gruppe innerhalb des Pflegepersonals bildeten, soll nach den sich stetig wandelnden Interdependenzen zwischen Zivildienstleistenden, Stammpersonal und Heimbewohner_innen gefragt und diese Ungleichheitsdimensionen intersektional analysiert werden. Dabei geht es in dem Projekt auch darum, Privilegien zu untersuchen, die sich aus Ungleichheitslagen ergaben, um so das Konzept „Intersektionalität“, mit dem in der Forschung bisher hauptsächlich nach den Ursachen von Diskriminierungen gefragt wurde, zu erweitern. Insgesamt versucht das Projekt mit seinem Blick auf die Konflikte und Aushandlungsprozesse der verschiedenen Akteure in den Pflegeheimen, sozialhistorische Deutungsmuster wie das einer Liberalisierung und eines Wertewandels einer neuakzentuierten Betrachtung zu unterziehen.

 

Bertold Scharf: Die Arbeitswelten von Menschen mit Behinderung in der DDR seit 1945 (Dissertationsprojekt)

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit den Arbeitswelten von behinderten Menschen seit 1945 in der DDR. Die Zuordnung von Menschen zur Kategorie „Behinderte/r“ geschah und geschieht bis heute insbesondere durch den Faktor Arbeit und die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit der Betroffenen. Die Analyse der Kategorie „Behinderung“ soll die In- und Exklusionsmechanismen in der „Arbeitsgesellschaft“ DDR in den Blick nehmen und hierbei die Wandlungsprozesse in der Gesellschaft herausarbeiten. Gleichzeitig sollen die Normvorstellungen in Bezug auf Behinderung, Körper und Leistungsfähigkeit untersucht und der Umgang der Betroffenen hiermit behandelt werden. Im Sinne der Disability History wird in diesem Zusammenhang nach den Faktoren gefragt, die in historischen Konstitutionsprozessen die Zuschreibung „Behinderung“ hervorgebracht haben. Anhand der Arbeit von Menschen mit Behinderung sollen die Konfliktlinien, aber auch die Selbstverständlichkeiten und konsensualen Praktiken der DDR-Gesellschaft herausgearbeitet werden. Auf welchen Feldern traten Schwierigkeiten und Konflikte zwischen den unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren auf? Welche Probleme traten bei der Durchsetzung gesetzlicher Regelungen auf? Welche Arbeit war hierbei für behinderte Menschen vorgesehen und wie sah die konkrete Praxis aus? Die Untersuchung basiert auf Dokumenten aus staatlichen und kirchlichen Quellen (Schriftwechseln, Protokollen, Anordnungen etc.), die bislang von der geschichtswissenschaftlichen Forschung noch kaum wahrgenommen wurden. Anhand dieser kann gezeigt werden, welche Vorbehalte die Betriebe gegenüber Menschen mit Behinderung hatten und welchen Grenzen der Beschäftigung von behinderten Menschen aus ökonomischen und konzeptuellen Gründen gesetzt waren. Charakterisierungen der DDR wie „Erziehungsdiktatur“, „diktatorischer Wohlfahrtsstaat“ und „Fürsorgediktatur“ – um nur einige der prominenteren zu nennen - werden hierbei einer kritischen Überprüfung unterzogen.

 

Britta-Marie Schenk: Ohne Obdach. Eine Geschichte der Obdachlosigkeit und der Obdachlosen im 19. und 20. Jahrhundert (Habilitationsprojekt)

Mit Obdachlosigkeit steht ein ubiquitäres Phänomen der Moderne im Mittelpunkt des Habilitationsprojekts. Es untersucht die Wechselwirkungen zwischen der Praxis der Obdachlosenfürsorge und dem Alltag der Obdachlosen während des 19. und 20. Jahrhunderts. Damit zielt das Vorhaben auf eine Geschichte sozialer Ungleichheit, die sowohl die Perspektive des Staates und privater Wohltätigkeit als auch die Obdachlosen selber einbezieht. Im Gegensatz zu bisherigen Studien, die entweder auf die kommunale bzw. staatliche Armenfürsorge oder auf die Aktivitäten einzelner Wohltätigkeitsorganisationen abzielen, wird das gesamte „System“ Obdachlosigkeit analysiert. Dies verspricht neue Erkenntnisse darüber, welchen Platz Obdachlose von einer Gesellschaft zugesprochen bekamen und wie die Betroffenen damit selber umgingen. Zudem wird Obdachlosigkeit nicht allein als Armutsphänomen betrachtet, vielmehr werden politische und infrastrukturelle Ursachen ebenso einbezogen wie das Phänomen, dass Obdachlosigkeit auch ein selbstgewähltes, freiwilliges Lebensmodell oder ein Lebensabschnitt sein kann. Dieser Ansatz wird an zwei Großstädten, zwei Städten mittlerer Größe und zwei ländlichen Regionen verfolgt. Damit wird Obdachlosigkeit als übergreifendem Phänomen Rechnung getragen, das nicht allein auf den urbanen Raum beschränkt ist. Gleichzeitig bietet der Dreiräume-Vergleich in einer Langzeitperspektive die Chance, Stadt-Land-Eigenlogiken und regionale Spezifika sowie Gemeinsamkeiten und Konvergenzen gleichermaßen erfassen zu können.

 

Abgeschlossene Dissertationen

Moritz Glaser: Wandel durch Tourismus. Die Touristifizierung der spanischen Küstenregionen durch den westeuropäischen Massentourismus, 1960-1990 (Dissertationsprojekt)

Ziel des Projektes ist es, die Auswirkungen des Massentourismus in Spanien als Teil einer westeuropäischen Verflechtungsgeschichte zu untersuchen. Ausgehend von der These, dass die soziale Konstitution Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen durch eine zunehmende Interdependenz der europäischen Gesellschaft geprägt wurde, fasst das Projekt den Massentourismus als Bindeglied zwischen den Gesellschaften Nordwest- und Südeuropas auf. Zur Untersuchung sowohl der Kontakte, die sich durch Tourismus ergaben als auch der sozioökonomischen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen, die diese wiederum zeitigten, werden ausgewählte Regionen und Lokalitäten an der spanischen Mittelmeerküste in den Fokus gerückt. Da hier gesellschaftlicher Wandel in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen ist, werden so die translokalen bzw. –regionalen Bezüge dieser Räume sichtbar. Zur Erfassung der Auswirkungen des Tourismus dient das Konzept der Touristifizierung von Räumen, das sich zur Beschreibung und Erklärung einer zunehmenden Einrichtung von Räumen auf die Bedürfnisse von Touristen eignet. In einer sozialgeschichtlichen Rückbindung dieses Ansatzes baut das Forschungsprojekt diesen aus und berücksichtigt auf der Basis von archivalischen Quellen soziale und ökonomische Rückkopplungseffekte. Das Projekt verspricht damit, die Frage zu beantworten, wie der westeuropäische Massentourismus sein transformatives Potential entfaltete, bestimmte Räume völlig umgestaltete und dabei Zielregionen und Herkunftsländer miteinander verknüpfte.

Steffen Dörre: Die Vermessung der Weltwirtschaft. Ökonomische Deutungseliten in Deutschland und das Wissen über Globalisierungsprozesse (1940-1980) (Dissertationsprojekt)

Ziel des Projekts ist es, Identitäts- und Alteritätskonstruktionen im ökonomischen Feld zu untersuchen und diese als wirkmächtige Vorstellungen zu begreifen. Gerade durch den Fokus auf die sich wandelnden Peripherien – die „Südländer“, die „entwicklungsfähigen Länder“ und die „unterentwickelten Länder“ –  kann die Genese einer europäischen Identität und die Wirkmächtigkeit von Europavorstellungen in der Ökonomie analysiert werden. Durch die Analyse der Wahrnehmung „fremder Märkte“ und „fremder Völker“ soll also zugleich der Wandel der Selbstbeschreibungskategorien sichtbar gemacht werden. Der Zugriff erfolgt über eine auf die Globalisierung und Europäisierung nach 1945 einflussreiche Gruppe von exportorientierten Unternehmern. Diese wird als Denkkollektiv begriffen, die einen spezifischen Denkstil ausprägte. Fünf miteinander verwobene Aspekte werden dabei untersucht: 1.) die Wahrnehmung des Globalisierungsprozesses, 2.) die geteilten zeitgenössischen Wissensbestände über die wichtigsten „fremden Märkte“ und „fremden Völker“, 3.) die Entstehung nationaler und internationaler Netzwerke zum Zweck des Erfahrungs- und Informationsaustauschs, 4.) den daraus resultierenden Wandel von Selbst- und Fremdbildern sowie 5.) dessen Auswirkung auf die Entscheidungen über Formen und Umfang des Auslandsengagements. Dies geschieht auf breiter, größtenteils völlig neu erschlossener, Quellenbasis. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei einerseits auf nationale, transnationale und transkulturelle Transfer- und Kommunikationsprozesse, andererseits auf den Wandel von Selbst- und Fremdbeschreibungen. Die Arbeit verspricht damit Erkenntnisse zu den mentalen Grundlagen der Europäisierung im ökonomischen Feld und ermöglicht zudem eine theoretische Erweiterung historischer und  ökonomischer Globalisierungstheorien.

Jan Stoll: Von der „versehrten Nation“ zum „selbstbewussten behinderten Bürger“. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung in Deutschland seit 1945 (Dissertationsprojekt)

Die Dissertation untersucht die (gesellschafts-)politische Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit von Behindertengruppen und Organisationen von Menschen mit Behinderung in beiden deutschen Staaten seit 1945. Im Zentrum steht dabei die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen, auf die die Organisationen bei ihren Bemühungen jeweils stießen, das gesellschaftliche Bild von Behinderung zu beeinflussen und eigene Interessen durchzusetzen. Als größte Gruppe behinderter Menschen in der frühen Bundesrepublik geraten zunächst die sogenannten Kriegsbeschädigten in den Blick. Deren Verbände waren um die Ausgestaltung einer exklusiven Kriegsopferversorgung bemüht und konnten sich aufgrund ihrer weitreichenden personellen Netzwerke an vielen Stellen durchsetzen. Interessenvertretung der Kriegsopferverbände in den fünfziger Jahren basierte zudem auf einer Interessengleichheit von Verbänden und Staat, die am Ende der Nachkriegszeit an ihre Grenzen stieß. Hier, etwa zwischen 1957 und 1963 entstanden zudem neue Organisationen für Menschen mit Behinderung. Die sogenannten Elternvereinigungen machten deutlich, dass Behinderung nicht nur ein Phänomen war, das Männer betreffen konnte, die aus dem Krieg zurückkehrten, sondern auch Kinder. Aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung aus betroffenen Eltern und wissenschaftlichen Experten konnten Vereinigungen wie die Lebenshilfe für das behinderte Kind Wirkung entfalten und zum Beispiel Veränderungen für Kinder mit Behinderung im Bereich der Bildung und Beschulung erreichen. Seit den frühen siebziger Jahren traten Menschen mit Behinderung im Kontext neuer sozialer Bewegungen in Erscheinung. Sie traten zunehmend für Selbstbestimmung und Selbstvertretung ein. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung trugen somit zum Abbau gesellschaftlicher und physischer Barrieren und gesellschaftlicher Exklusionspraktiken bei. Dabei waren aber jeweils unterschiedliche Hierarchisierungen und Ausschlüsse wirksam, die unter anderem von der Behinderungsart, aber auch vom sozialen Status abhängig waren.

(Dissertation erscheint demnächst als Monographie)

 

Sebastian Schlund: Geschichte des Behindertensports. Freizeitaktivitäten von Menschen mit Behinderung im Spannungsfeld von Stereotypen und Identitätsbildungsprozessen seit 1945 (Dissertationsprojekt)

Das Dissertationsprojekt widmet sich anhand des Behindertensports dem Freizeitbereich von Menschen mit Behinderung. Dabei wird untersucht, auf welche Barrieren Menschen mit Behinderung im Sport in Deutschland seit 1945 stießen und welchen Wandlungsprozessen diese Einschränkungen unterlagen. Gleichzeitig bietet der Bereich der Freizeitgestaltung behinderter Menschen die Möglichkeit, Einblicke in die Strategien der Identitätsbildung in Auseinandersetzung mit Stereotypen über Behinderung nachzuvollziehen und zu prüfen, inwiefern sich Menschen mit Behinderung hierbei an gesellschaftlich tradierte Normvorstellungen anpassten. Daran anschließend gilt es zu untersuchen, wie die soziale Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Behinderung im sportlichen Umfeld einen beiderseitigen Wandel dieser Perzeptionen auslöste und sich somit die Determinanten für die Inklusion von Menschen mit Behinderung auch in einem weiteren gesellschaftlichen Kontext veränderten. Somit versteht sich das Projekt erstens als Analyse von „Behinderung“ als Kategorie sozialer Ungleichheit in einem gesellschaftlichen Teilbereich. Zweitens steht die Untersuchung im Kontext einer vor allem körpergeschichtlich inspirierten Sportgeschichte.

(Dissertation erscheint demnächst als Monographie)