Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften

Promotionsprojekt

Reformer als Wertegemeinschaften – zur diskursiven Formierung einer sozialen Gruppe im spätangelsächsischen England (ca. 850–1050) (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt widmet sich in Anlehnung an Theorieangebote einer kulturwissenschaftlich inspirierten Sozialgeschichte der kommunikativen Formierung und Aushandlung von Reformgruppen in der ausgehenden Angelsachsenzeit. Den Ausgangspunkt der Untersuchung bildet eine diskursanalytische Untersuchung biographischer und hagiographischer Texte, die als zentrale Träger einer Handlungs- und Sprachformation aufgefasst werden, in denen die Teilnehmer über die Aushandlung, Zuschreibung wie auch den Entzug von Werten und Normen eine Gruppe kommunikativ generierten, die sowohl Laien als auch Kleriker, Könige wie auch Bischöfe oder Mönche umfassen konnte. Mit dem modernen Begriff ‚Reformer‘ wird hierbei eine soziale Formation auf den Begriff gebracht, für die die zeitgenössischen Akteure zwar keine eigene Terminologie etablierten, die sich gleichwohl als handlungsleitendes Wissen in den beschriebenen Kommunikationszusammenhängen nachweisen lässt.

Um die Langlebigkeit und strukturprägenden Elemente wie auch die Dynamik dieser Diskurse nachweisen zu können, wird bewusst die Vitenproduktion zweier Reformkontexte miteinander verglichen, die in der Forschung aufgrund ihrer vermeintlich divergierenden Rahmenbedingungen und der auf der Wirkungsebene nicht konkret nachweisbaren Kontinuität zumeist separiert behandelt wurden: die nach karolingischem Vorbild gestalteten Reformen Alfreds des Großen im ausgehenden 9. Jahrhundert und die benediktinischen Reformen des ausgehenden 10. und beginnenden 11. Jahrhunderts.

Ziel der Untersuchung ist es zum einen, die bisherige Forschung zu den genannten Reformkontexten um einen weiteren Aspekt zu ergänzen, da die diskursive Sozialstruktur des spätangelsächsischen Englands in der Forschung bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Zum anderen soll über den diskursanalytischen Zugang auch ein Angebot für eine methodische Rehabilitierung der Begriffe ‚Reform‘ und ‚Reformer‘ bereitgestellt werden, da diese Kategorien in den letzten Jahren in der Forschung vermehrt kritisiert worden sind.