Osteuropäische Geschichte

Istrienexkursion vom 14.-21. Mai 2007

 

Unsere Exkursion stand unter dem Rahmenthema „Kiel und Pula – zwei Kriegshäfen im Vergleich“, ist doch diesen ansonsten so verschiedenen Städten gemeinsam, dass sie beide ihren rasanten Aufstieg dank ihrer Stellung als Reichskriegshäfen in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg erlebt haben. Die heutige schleswig-holsteinische Landeshauptstadt war seit 1871 Kriegshafen des Deutschen Reiches, die an der istrischen Küste gelegene Stadt Pula diente seit 1856 als Hauptkriegshafen der Habsburger-Monarchie. Mit dieser Zeit befassten wir uns in einer vorbereitenden Übung schon im Wintersemester. Ein Blockseminar kurz vor der Exkursion galt einem Überblick über die Landesgeschichte Istriens von der Antike bis in die Gegenwart.

Die in den Reisebericht über Links eingefügten Texte sind im Rahmen der Vorbereitung der Exkursion entstanden.

Am Montag, dem 14. Mai 2007, flogen wir nach Anfahrt mit dem „Kielius“-Bus von Hamburg nach Zagreb. Zur Gruppe gehörten zwölf Studentinnen und fünfzehn Studenten verschiedener Semesterzahl sowie Dr. Schlürmann und Prof. Steindorff. In Zagreb traf uns Herr Fatović vom Reisebüro „Mediaturist“, das auch die Kroatien-Exkursion 2001 organisiert hatte, und machte uns mit unserem Busfahrer Damir bekannt. Die Fahrt bis Pula über die Autobahn durch ganz verschiedene Landschaften dauerte gute vier Stunden. Am auffälligsten war der Wechsel der Vegetation, als wir nach dem Durchqueren des waldreichen Gorski kotar an die Küste oberhalb von Rijeka kamen.

Wir wohnten im Camp „Puntižela“ südlich von Fažana, ca. 8 km von Pula, in einem ehemaligen Pionier-Wohnheim; die Ausstattung entsprach ungefähr einer Jugendherberge. Die Küche dient jetzt zugleich als Restaurant für den Camping-Platz und wird von einem Pächter bewirtschaftet, der uns gut beköstigte, und er war mit uns als Konsumenten zufrieden. Von der Terrasse aus, dem Haupt-Aufenthaltsort an langen Abenden, sah man das Meer und die Brijuni-Inseln. Die meisten von uns sind mehrfach zum Schwimmen gegangen.

Am Dienstag regnete es am Vormittag, so dass wir gleich in Pula ins Archäologische Museum fuhren, das der Geschichte Istriens von der Vorgeschichte bis ins Frühmittelalter gewidmet ist. Bei einem anschließenden Rundgang um den Berg mit dem Kastell mit verschafften wir uns einen Überblick über die auf den ersten Blick unübersichtliche Topographie von Pula, da sich nämlich die Altstadt in einem Halbkreis um den Berg hinzieht. Daran schließen nach Osten die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts planvoll angelegten Geschäfts- und Wohnviertel an, nach Südenwesten das Gebiet des Arsenals und der Marinequartiere. Etwas nördlich außerhalb der antiken und mittelalterlichen Stadt liegt das Amphitheater (die Arena). Die Hauptstationen in der Altstadt sind Sergier-Triumphbogen, das Forum mit Augustus-Tempel und Rathaus und schließlich die Kathedrale.

Nachmittags war das Wetter wieder schön, und wir waren in der Arena und auf dem alten k. und k. Marine-Friedhof noch jenseits der Marinesiedlungen. Dieses Ziel liegt außerhalb der üblichen Touristenrouten. Hier wurden sowohl Angehörige der Garnison in Pula als auch fremde Seeleute, die in Pula oder auf dem Weg dorthin gestorben waren, begraben, so dass es sogar einen osmanisch geschriebenen Grabstein von 1915 gibt. Man findet deutsche, italienische und kroatische Inschriften, manchmal wechselt die Sprache je nach Zeit der einzelnen Inschrift auf einem einzelnen Grabstein. Auch die Anlage für die italienischen Soldaten, die am Ende des ersten Weltkrieges bei den Kämpfen um Istrien gefallen sind, hat die Zeiten überdauert.

Am Mittwoch fand ein Treffen mit Dozenten und Studenten aus Pula statt. Die Philophische Fakultät der Universität Pula ist im ehemaligen italienischen Mädchenlyzeum, einem unversehrt erhaltenen und renovierten Jugendstilbau untergebracht. Bis vor kurzem war die Fakultät in Pula eine Außenstelle der Universität Rijeka, vor kurzem ist aus ihr und der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Pula die selbständige Universität „Juraj Dobrila“ hervorgegangen, benannt nach dem Bischof und großen Förderer der kroatischen Nationalbewegung in Istrien im 19. Jahrhundert.  Bei dem Treffen stellten unsere Studierenden unter Rückgriff auf die Vorbereitungsübung die Geschichte von Kiel vor, und Studierende aus Pula, die sich unter der Leitung von Mgr. Mihovil Dabo vorbereitet hatten, sprachen unter jeweils paralleler Fragestellung zur Geschichte ihrer Stadt. Für alle war es eine neue Erfahrung, auf Englisch vorzutragen. Vorweg begrüßte uns der Dekan, Prof. Robert Matijašić, am Nachmittag war auch Prof. Neven Budak, Mediävist an der Universität Zagreb und Referent auf dem Kieler Historikertag 2004, bei den Vorträgen anwesend und sprach ein Grußwort. – Der „harte Kern“ der Studierenden aus Pula traf sich mit den Kieler Studierenden noch mehrfach in den folgenden Tagen  zu geselligen Unternehmungen. Das mediterrane Lebensgefühl, bei dem sich so viel mehr im Freien abspielt und Straßencafés das Stadtbild prägen, war eine für den Vergleich mit Kiel durchaus wichtige und angenehme Erfahrung.

Am Spätnachmittag dieses Tages besuchten wir die ehemalige k. u. k. Marinebibliothek (http://www.skpu.hr) im Kasino, das den Offizieren wechselnder Reiche und Staaten gedient hat (Österreich-Ungarn, Italien, Jugoslawien, Kroatien). Diese Spezialbibliothek hat zwar durch teilweisen Abtransport bei der Räumung von Pula durch die Wehrmacht 1945 einige Verluste erlitten, ist aber ansonsten so als Block erhalten, wie sie von ca. 1860 bis 1918 gewachsen ist und ist eine Schatzkammer für jeden Marinehistoriker jener Zeit; denn auch die Fachliteratur und Zeitschriften fremder Staaten wurden gesammelt.

Am Donnerstag unternahmen wir eine Fahrt nach Poreč und Rovinj. In Poreč ist die byzantinische Euphrasius-Basilika mit ihren Mosaiken in der Apsis die Hauptsehenswürdigkeit. Während Poreč (Parentium) schon in der Antike aufblühte und hier der antike Stadtplan auch noch den Straßenverlauf bestimmt, ist Rovinj der „Nachzügler“ unter den Städten an der istrischen Westküste.

Die Altstadt mit einem ganz unregelmäßigen Gassenverlauf liegt auf einer einstigen Insel. Die Stadt verdankt ihren Aufstieg im Mittelalter der guten Schutzlage und der erfolgreichen Pflege des Kultes  um die Stadtpatronin, die hl. Euphemia. Bischofssitz ist die Stadt anders als ihre alten Nachbarstädte Pula und Poreč nie geworden. Auf der Spitze des Kirchturms steht eine Kupferstatue der hl. Euphemia mit dem ihr zugedachten Marterwerkzeug, einem Rad. – Zwischen den beiden Stationen des Tages machten wir am fjordartigen Limski kanal Mittagspause.

Am Freitag waren wir vom Reisebüro schon für den Besuch der Insel Veli Brijuni angemeldet; denn die Zahl der Plätze für die Überfahrt von dem Städtchen Fažana aus ist beschränkt. Und wenn man nicht im Hotel auf der Insel wohnt, muss man sich strikt an das vorgegebene Programm halten. Die Insel war erst um 1900 von Robert Koch bewohnbar gemacht worden, indem er hier erstmals durch Trockenlegung der Sumpfteiche die Malaria ausrottete. Seitdem diente die Insel als vornehmstes Reiseziel, wohin auch Kaiser Wilhelm II. einmal kam. Nach 1945 diente die ganze Inselgruppe als Sommer-Residenz von Tito. Auf Veli Brijuni empfing er Gäste, während er selbst meistens auf der Insel Vanga lebte. Die Memoiren von Chruščev und von Veljko Mićunović berichten aus verschiedener Perspektive über den Besuch von Chruščev und Malenkov bei Tito Anfang November 1956 auf Brijuni, um die Haltung der jugoslawischen Führung zum geplanten Einmarsch sowjetischer Truppen in Budapest zu sondieren.

Man macht erst in einer Mini-Bahn eine Rundfahrt entlang der Tierfreigehege, der römischen Ruinen und der verschiedenen gut abgeschirmten Staatsvillen. Der alte Zoo ist inzwischen wegen nach heutigen Maßstäben zu kleiner Gehege aufgegeben; er wurde einst von Carl Hagenbeck als Zwischenstation für die Tiere zur Akklimatisierung an das nördlichere Klima angelegt. Dann besucht man das Tito-Museum, in dem im Erdgeschoss ausgestopfte Tiere aus den Gehegen und im 1. Stock Bilder von Titos Treffen mit Staatsmännern der Welt und von seinem Leben auf Brijuni gezeigt werden. Die Ausstellung einschließlich der Texte ist so, wie sie 1986 eingerichtet worden ist, belassen worden und dadurch ihrerseits schon ein Nostalgie-Objekt und ein Zeugnis für die ambivalente Erinnerungskultur im gegenwärtigen Kroatien gegenüber der Ära Tito.

Am Samstag besichtigten wir zuerst das Ethnographische Museum in der Burg von Pazin. Sie ist am Rand einer riesigen eingebrochenen Höhle erbaut, die bei Jules Verne als Eingang in die Unterwelt eine Rolle spielt. Pazin, deutsch Mitterburg, war das Zentrum des seit 1374 habsburgischen Teiles von Istrien, während die West- und Südküste seit dem 13. Jahrhundert bis 1797 unter venezianischer Herrschaft stand.

Von Pazin fuhren wir nur eine kleine Strecke bis zur Abzweigung nach Beram. Die kurvige Straße ist für die immer längeren Busse zu eng, so dass wir die knapp zwei Kilometer bei erträglicher Hitze nach Beram hinauf und dann zur weit außerhalb gelegenen Friedhofskapelle zu Fuß gingen. Die zur Bruderschaft geeinte Bevölkerung von Beram hatte die Kapelle errichtet und mit Fresken ausmalen lassen, von denen der Totentanz an der Westseite am bekanntesten ist. Die Wände sind mit glagolitischen Grafitti übersät. Der Friedhof wird noch heute genutzt. Letzte Station des Tages war das malerisch hoch auf einem Berg gelegene Städtchen Motovun, einst venezianische Grenzfestung nahe der habsburgischen Grenze. Hier ist der Markuslöwe im Stadtwappen einmal mit geschlossenem Buch zu sehen. Meistens hält der Löwe das Evangelium geöffnet, und man liest auf den Seiten die Inschrift Pax tibi Marce evangelista. Als wahrscheinlichste Erklärung für die schwankende Praxis gilt immer noch, dass das Buch geschlossen gezeigt wurde, wenn Venedig zur Zeit der Anbringung des Wappens im Krieg stand. Die drei „Ringe“ der Stadt sind noch gut zu erkennen: Oberstadt mit Pfarrkirche, befestigte Unterstadt, suburbium außerhalb der Mauern.

Schon seit Donnerstag liefen in Pula die „Tage der Antike“ mit Theater- und Gladiatoren-Aufführungen. Die meisten Angebote konnten wir wegen unseres eigenen Programms nicht miterleben, aber am Sonntag waren wir im Amphitheater zum „Training der Gladiatoren“. Ein harter Drill! Die Franziskanerkirche konnten wir wegen der Messe nicht besichtigen, aber auf dem Platz vor ihr bot sich die Gelegenheit, noch einmal auf Parallelen zwischen Kiel und Pula bzw. auf eine Gemeinsamkeit im gesamten westeuropäischen Städtewesen hinzuweisen. Hier wie dort spielte das Franziskanerkloster im Spätmittelalter eine zentrale Rolle in der geistlichen Betreuung der Stadtbevölkerung. Doch während die Errichtung des Kieler Klosters mit den Anfängen der Stadt verbunden ist – der Kieler Stadtgründer Adolf IV. von Schauenburg starb als Franziskaner im von ihm gestifteten Kloster –, war Pula zur Gründungszeit des Klosters im 13. Jahrhundert schon eine Stadt mit weit über tausend Jahren Geschichte.

Nachmittags waren wir dank der Vermittlung durch Kollegen von der Universität Pula mit Goran Šaponja verabredet, der sich mit den vierzig Festungsanlagen aus der k. u. k. Zeit in Pula und Umgebung befasst. Die Anlagen sind großteils verfallen und zugewachsen. Dieses historische Erbe ist bei den meisten Leuten in der Stadt wenig geliebt, da es daran erinnert, dass die Stadt bis 1991 noch mit Sperrgebieten übersät war, auch wenn die meisten Festungen militärisch längst wertlos waren. Wir besichtigten neben der alten venezianischen Zitadelle auf dem Berg in der Mitte der Altstadt nur zwei der gewaltigen Anlagen, Casoni vecchi von 1853 und Verudela von ca. 1910. In letzterer ist in den Gewölben jetzt ein Aquarium untergebracht. Erstere dient dem Verein, der sich für die Pflege der Festungen einsetzt, als Basis. Der Innenhof bietet sich wegen seiner Akustik für Rock-Konzerte an, die kaum Verstärker brauchen.

Die Rückfahrt am Montag mit Aufbruch um halb acht – wie immer fast auf die Minute pünktlich – brachte keine besonderen Vorkommnisse, so waren wir mehr als rechtzeitig am Flughafen. Schließlich Ankunft mit dem Bus in Kiel abends halb sechs, wo uns alle schon am nächsten Tag der Semesterbetrieb wieder einholte.

Die Exkursion wurde aus Exkursionsmitteln des Historischen Seminars der CAU gefördert.

Zum Exkursionsbericht inklusive aller Bilder gelangt man hier