,Behinderte‘ Familien? Aufgabenverteilung und Rollenzuweisungen im Alltag westdeutscher Familien mit behinderten Angehörigen zwischen 1945 und den 1980er Jahren

Fördervolumen: € 171.350 (gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft - DFG)

Laufzeit: Frühjahr 2018 bis Frühjahr 2021

 

Die Zeitgeschichte von Familien mit behinderten Angehörigen ist bisher noch nicht untersucht worden. Um diese Forschungslücke zu füllen, wird unter heuristischem Rückgriff auf Ansätze und Forschungsergebnisse der Disability History, der Familiengeschichte und der Care History am bundesrepublikanischen Fallbeispiel die Spezifik der Konstellationen von Familien mit behinderten Angehörigen, genauer: mit behinderten Kindern und Jugendlichen, historisch analysiert. Im Zentrum des Projekts stehen die alltäglichen Rollenzuweisungen und die Aushandlungsprozesse in Bezug auf Aufgabenverteilungen in den betroffenen Familien, mussten die behinderten und die nicht behinderten Familienangehörigen doch stets miteinander entscheiden, wer von ihnen welche Aufgaben in der familiären Reproduktions- und in der Sorgearbeit zu übernehmen hatte. Diese Aufgaben und Rollen waren insofern spezifisch, als insbesondere die Bewältigung von behinderungsgenerierten Barrieren oder von Folgen gesellschaftlicher Diskriminierungen im Alltag zu bewerkstelligen war. Untersucht werden in diesem Zusammenhang die Konfliktaustragungsmechanismen, Machthierarchien und Identitätskonstruktionen innerhalb der betroffenen Familien. Der Wandel der innerfamiliären Aushandlungsprozesse wird vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen analysiert, die den familiären Alltag beeinflussten. Gefragt wird danach, wie gesamtgesellschaftliche Veränderungen in Hinblick auf Familienkonzeptionen und -strukturen, auf Geschlechterbilder, auf die Sozial-, Familien- und Rehabilitationspolitik sowie der Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre in die betroffenen Familien hineinwirkten und dort zu stets neuen Aushandlungsprozessen führten. Einer zentralen Forderung der Disability History nachkommend, werden mit dieser Fragestellung Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen nicht nur als Objekte beispielsweise sozialpolitischen Handelns, sondern als Subjekte ihrer Geschichte wahrgenommen.

Mitarbeiter: Raphael Rössel