Abgeschlossene Promotions- und Habilitationsprojekte

Abgeschlossene Dissertationen

Steffen Dörre: Die Vermessung der Weltwirtschaft. Ökonomische Deutungseliten in Deutschland und das Wissen über Globalisierungsprozesse (1940-1980) (Dissertationsprojekt)

Ziel des Projekts ist es, Identitäts- und Alteritätskonstruktionen im ökonomischen Feld zu untersuchen und diese als wirkmächtige Vorstellungen zu begreifen. Gerade durch den Fokus auf die sich wandelnden Peripherien – die „Südländer“, die „entwicklungsfähigen Länder“ und die „unterentwickelten Länder“ –  kann die Genese einer europäischen Identität und die Wirkmächtigkeit von Europavorstellungen in der Ökonomie analysiert werden. Durch die Analyse der Wahrnehmung „fremder Märkte“ und „fremder Völker“ soll also zugleich der Wandel der Selbstbeschreibungskategorien sichtbar gemacht werden. Der Zugriff erfolgt über eine auf die Globalisierung und Europäisierung nach 1945 einflussreiche Gruppe von exportorientierten Unternehmern. Diese wird als Denkkollektiv begriffen, die einen spezifischen Denkstil ausprägte. Fünf miteinander verwobene Aspekte werden dabei untersucht: 1.) die Wahrnehmung des Globalisierungsprozesses, 2.) die geteilten zeitgenössischen Wissensbestände über die wichtigsten „fremden Märkte“ und „fremden Völker“, 3.) die Entstehung nationaler und internationaler Netzwerke zum Zweck des Erfahrungs- und Informationsaustauschs, 4.) den daraus resultierenden Wandel von Selbst- und Fremdbildern sowie 5.) dessen Auswirkung auf die Entscheidungen über Formen und Umfang des Auslandsengagements. Dies geschieht auf breiter, größtenteils völlig neu erschlossener, Quellenbasis. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei einerseits auf nationale, transnationale und transkulturelle Transfer- und Kommunikationsprozesse, andererseits auf den Wandel von Selbst- und Fremdbeschreibungen. Die Arbeit verspricht damit Erkenntnisse zu den mentalen Grundlagen der Europäisierung im ökonomischen Feld und ermöglicht zudem eine theoretische Erweiterung historischer und  ökonomischer Globalisierungstheorien.

 

Moritz Glaser: Wandel durch Tourismus. Die Touristifizierung der spanischen Küstenregionen durch den westeuropäischen Massentourismus, 1960-1990 (Dissertationsprojekt)

Ziel des Projektes ist es, die Auswirkungen des Massentourismus in Spanien als Teil einer westeuropäischen Verflechtungsgeschichte zu untersuchen. Ausgehend von der These, dass die soziale Konstitution Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen durch eine zunehmende Interdependenz der europäischen Gesellschaft geprägt wurde, fasst das Projekt den Massentourismus als Bindeglied zwischen den Gesellschaften Nordwest- und Südeuropas auf. Zur Untersuchung sowohl der Kontakte, die sich durch Tourismus ergaben als auch der sozioökonomischen, kulturellen und ökologischen Auswirkungen, die diese wiederum zeitigten, werden ausgewählte Regionen und Lokalitäten an der spanischen Mittelmeerküste in den Fokus gerückt. Da hier gesellschaftlicher Wandel in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen ist, werden so die translokalen bzw. –regionalen Bezüge dieser Räume sichtbar. Zur Erfassung der Auswirkungen des Tourismus dient das Konzept der Touristifizierung von Räumen, das sich zur Beschreibung und Erklärung einer zunehmenden Einrichtung von Räumen auf die Bedürfnisse von Touristen eignet. In einer sozialgeschichtlichen Rückbindung dieses Ansatzes baut das Forschungsprojekt diesen aus und berücksichtigt auf der Basis von archivalischen Quellen soziale und ökonomische Rückkopplungseffekte. Das Projekt verspricht damit, die Frage zu beantworten, wie der westeuropäische Massentourismus sein transformatives Potential entfaltete, bestimmte Räume völlig umgestaltete und dabei Zielregionen und Herkunftsländer miteinander verknüpfte.

(Die Dissertation erschien 2018 in überarbeiteter Form unter dem Titel 'Wandel durch Tourismus. Spanien als Strand Europas, 1950-1983' beim UVK Verlag)

 

Sebastian Schlund: Geschichte des Behindertensports. Freizeitaktivitäten von Menschen mit Behinderung im Spannungsfeld von Stereotypen und Identitätsbildungsprozessen seit 1945 (Dissertationsprojekt)

Das Dissertationsprojekt widmet sich anhand des Behindertensports dem Freizeitbereich von Menschen mit Behinderung. Dabei wird untersucht, auf welche Barrieren Menschen mit Behinderung im Sport in Deutschland seit 1945 stießen und welchen Wandlungsprozessen diese Einschränkungen unterlagen. Gleichzeitig bietet der Bereich der Freizeitgestaltung behinderter Menschen die Möglichkeit, Einblicke in die Strategien der Identitätsbildung in Auseinandersetzung mit Stereotypen über Behinderung nachzuvollziehen und zu prüfen, inwiefern sich Menschen mit Behinderung hierbei an gesellschaftlich tradierte Normvorstellungen anpassten. Daran anschließend gilt es zu untersuchen, wie die soziale Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Behinderung im sportlichen Umfeld einen beiderseitigen Wandel dieser Perzeptionen auslöste und sich somit die Determinanten für die Inklusion von Menschen mit Behinderung auch in einem weiteren gesellschaftlichen Kontext veränderten. Somit versteht sich das Projekt erstens als Analyse von „Behinderung“ als Kategorie sozialer Ungleichheit in einem gesellschaftlichen Teilbereich. Zweitens steht die Untersuchung im Kontext einer vor allem körpergeschichtlich inspirierten Sportgeschichte.

(Die Dissertation erschien in überarbeiteter Form unter dem Titel 'Behinderung überwinden? Organisierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990) in der Reihe 'Disability History' des Campus Verlags)

 

Jan Stoll: Von der „versehrten Nation“ zum „selbstbewussten behinderten Bürger“. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung in Deutschland seit 1945 (Dissertationsprojekt)

Die Dissertation untersucht die (gesellschafts-)politische Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit von Behindertengruppen und Organisationen von Menschen mit Behinderung in beiden deutschen Staaten seit 1945. Im Zentrum steht dabei die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen, auf die die Organisationen bei ihren Bemühungen jeweils stießen, das gesellschaftliche Bild von Behinderung zu beeinflussen und eigene Interessen durchzusetzen. Als größte Gruppe behinderter Menschen in der frühen Bundesrepublik geraten zunächst die sogenannten Kriegsbeschädigten in den Blick. Deren Verbände waren um die Ausgestaltung einer exklusiven Kriegsopferversorgung bemüht und konnten sich aufgrund ihrer weitreichenden personellen Netzwerke an vielen Stellen durchsetzen. Interessenvertretung der Kriegsopferverbände in den fünfziger Jahren basierte zudem auf einer Interessengleichheit von Verbänden und Staat, die am Ende der Nachkriegszeit an ihre Grenzen stieß. Hier, etwa zwischen 1957 und 1963 entstanden zudem neue Organisationen für Menschen mit Behinderung. Die sogenannten Elternvereinigungen machten deutlich, dass Behinderung nicht nur ein Phänomen war, das Männer betreffen konnte, die aus dem Krieg zurückkehrten, sondern auch Kinder. Aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung aus betroffenen Eltern und wissenschaftlichen Experten konnten Vereinigungen wie die Lebenshilfe für das behinderte Kind Wirkung entfalten und zum Beispiel Veränderungen für Kinder mit Behinderung im Bereich der Bildung und Beschulung erreichen. Seit den frühen siebziger Jahren traten Menschen mit Behinderung im Kontext neuer sozialer Bewegungen in Erscheinung. Sie traten zunehmend für Selbstbestimmung und Selbstvertretung ein. Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderung trugen somit zum Abbau gesellschaftlicher und physischer Barrieren und gesellschaftlicher Exklusionspraktiken bei. Dabei waren aber jeweils unterschiedliche Hierarchisierungen und Ausschlüsse wirksam, die unter anderem von der Behinderungsart, aber auch vom sozialen Status abhängig waren.

(Die Dissertation erschien in überarbeiteter Form unter dem Titel 'Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945' in der Reihe 'Disability History' des Campus Verlages)