Kindheitsgeschichte

Sozialistische Kindheiten? Kindheitskonzepte in der Tschechoslowakei 1948 bis 1989

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Forschungsprojekt an der Universität Kiel von Frank Henschel und Martina Winkler

 

 

„Kindheit“ gehört zu den zentralen gesellschaftlichen Kategorien der Moderne. Wie nur wenige andere ist dieses Konzept bestimmt von Ambivalenzen, Spannungen, Dynamiken und emotionaler Aufladung: Kindheit gilt als natürliche, unumgehbare anthropologische Konstante, ist aber gleichzeitig ein hochgradig wirksames juristisches Konstrukt, dessen Grundvoraussetzung – die Abgrenzung vom Erwachsenen sein und gegebenenfalls von der Adoleszenz – durchaus willkürlich auf ein bestimmtes Lebensdatum festgelegt wird. Kindheit wird häufig als explizit unpolitische Lebensphase, als „Moratorium“ begriffen und bildet doch zugleich eines der machtvollsten politischen Argumente in modernen Gesellschaften („Für das Wohl und die Zukunft unserer Kinder“). Bullerbü gegen Tiger-Mom, Konsumfreiheit gegen gezielte Werbung: Indem sie diese und viele andere Spannungselemente der modernen Kindheit – in Bezug auf Ökonomie, Sexualität, die Trägerschaft von Rechten usw. – untersucht und somit aus dem allgegenwärtigen Explanans („es sind doch Kinder“) ein vielschichtiges Explanandum macht, hat die neuere Kindheitsforschung (u.a. Qvortrup 2009, Kassem 2010) ihren Gegenstand definiert und problematisiert. Sie hat ihn allerdings noch nicht in ausreichender Weise historisiert, und im Vergleich zu Pädagogen und Soziologen sind Historiker in diesem Feld nur sehr rar vertreten.

 

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Interessanterweise ist es gerade das 20. Jahrhundert, das so genannte „Jahrhundert des Kindes“ (Key 1909), das besonders zahlreiche Forschungsdesiderate aufweist. Die Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Wandelbarkeit von Kindheitskonzepten in modernen Gesellschaften verlangt nach detaillierterer und komparativ angelegter Erforschung. Unser Vorhaben an der Universität Kiel setzt hier an und untersucht Kindheit in der sozialistischen Tschechoslowakei. Konzeptionell und methodisch geht es dabei nicht in erster Linie um Kinder als Akteure und um Alltag oder historische Realitäten von Kindheit, sondern um Kindheitskonzepte. In einiger Abgrenzung zu soziologischen Studien mit historischer Ausrichtung wollen wir nicht „Kindsein“, sondern „Kindheit“ untersuchen und so die Rede von der Konstruiertheit des Konzeptes unmittelbar in Forschung umsetzen. Leitmotiv ist hier das Konzept einer „Sozialgeschichte der Diskurse über Kindheit und Jugend“ (u.a. Krüger 2010). Anders als die Sowjetunion hat die Tschechoslowakei gewissermaßen die erste Hälfte des „Jahrhunderts des Kindes“ in einem europäischen, von bürgerlichen und sozialdemokratischen Plänen bestimmten Kontext erlebt. Die zweite Hälfte des Zentenniums, welche auf die von Tara Zahra beschriebene Neudefinition des Kindes um 1945 folgte (Zahra 2011), war dagegen bestimmt von sozialistischen, kollektivistischen Erziehungskonzepten des Staates.

 

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Anders als Kindheitskonzepte, Erziehungsinstitutionen und Familienalltag in der DDR aber sind diese Fragen für die Tschechoslowakei – ganz ähnlich übrigens anderen ostmitteleuropäischen Staaten – bisher kaum erforscht worden. Das tschechische Selbstverständnis als „moderne“ Gesellschaft schafft so eine hervorragende Voraussetzung, um die bisher in der Forschung oft praktizierte Monolithisierung des „Ostblocks“ aufzubrechen und bildet die Folie für eine Vielzahl von Fragen, Problematisierungen und Vergleichsanlagen. Welche Rolle spielten – beispielsweise im Vergleich zu Polen – „traditionelle“ Erziehungsautoritäten wie Familie und Kirche? Welche Traditionslinien gab es, die Entwicklungen der Ersten Tschechoslowakischen Republik weiterführten (Junák-Bewegung, Klassiker der Kinderliteratur, Entwicklungslinien der Reformpädagogik etc.), und welche wurden hier abgebrochen? Welche transnationalen Verbindungen sind zu ziehen, auf welche Traditionen und Autoritäten beriefen sich Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologen in der Tschechoslowakei? Welche Bedeutung hatten Nation und „nationale“ Erziehung, und welche Spannungslinien ergaben sich aus dem Verhältnis zur Slowakei und zu ethnischen Minderheiten wie den Roma? Wie gingen die Akteure mit dem traditionellen Konzept von Kindheit als Moratorium um, wie wurde dieses zeitlich definiert und räumlich ausgestaltet? Funktionierten „Kindheitsräume“ als Sphären für kondensierte Ideologie und Planung oder entstanden vielmehr Räume von Freiheit und akzeptierter, weil zeitlich begrenzter Subversivität? Welche Konzepte von „Normalität“ sind im Ideal zu erkennen, welche Rolle spielten Abweichungen?

All diese Spannungen werden betrachtet als Elemente einer sozialistischen Gesellschaft, nicht jedoch als spezifisch sozialistisch. Vielmehr wird das Projekt des Sozialismus begriffen als eine Sonderform der Moderne. Mit Ansätzen wie social engineering, Sozialdisziplinierung und Devianzforschung und der Methode des asymmetrischen Vergleichs werden die Probleme, Dynamiken und Entwicklungen in der Tschechoslowakei in die Kindheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts generell eingebettet.

Einzelprojekte

  • Heimerziehung und Adoptionspraxis in der Tschechoslowakei (Frank Henschel, Post-Doc-Projekt)
  • Kindheitskonzepte, Pädagogik und Familien in der sozialistischen Tschechoslowakei (Martina Winkler)

 

Eigene Publikationen

  • Henschel, Frank: ""All Children Are Ours" - Children´s Homes in Socialist Czechoslovakia as Laboratories of Social Engineering", in: Bohemia 56 (2016), Nr. 1, S. 122-144.
  • Henschel, Frank: "A project of social engineering: Childhood-experts and the ´child-question´ in socialist Czechoslovakia", in: Acta historica Universitatis Silesianae Opaviensis 9 (2016), S. 143-158.
  • Winkler, Martina: "Kolektivní versus rodinná výchova v socialistickém Československu? Rozbor českých filmů a knih pro děti", in: Acta historica Universitatis Silesianae Opaviensis 8 (2015), S. 175-192.
  • Winkler, Martina: "Kindheitsgeschichte", in: , Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung.
  • Winkler, Martina: "Children, Childhood, and Stalinism ", in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 18 (2017), Nr. 3, S. 628-637.
  • Winkler, Martina: Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017.

Zitierte Literatur

  • Derek Kassem (Hg.): Key issues in childhood and youth studies, Milton Park, Abingdon, Oxon ; New York, NY: Routledge 2010.
  • Ellen Key: The Century of the child, New York and London, G. P. Putnam’s sons, 1909: G. P. Putnam’s sons 1909.
  • Heinz-Hermann Krüger: „Methoden und Ergebnisse der historischen Kindheits- und Jugendforschung“, in: Cathleen Grunert, Krüger, Heinz-Hermann, Kindheit und Kindheitsforschung in Deutschland: Forschungszugänge und Lebenslagen, Opladen: Budrich 2006, S. 309-331.
  • Jens Qvortrup, William A. Corsaro and Michael-Sebastian Honig (Hg.):The Palgrave handbook of childhood studies, Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan 2009.
  • Tara Zahra: The lost children : reconstructing Europe’s families after World War II, Cambridge, Mass: Harvard University Press 2011.

Das Forschungsprojekt ist bewusst „auf Zuwachs“ geplant, deshalb freuen wir uns über Interesse und Kooperationsangebote!

Kontakt: Prof. Dr. Martina Winkler, mwinkler@oeg.uni-kiel.de

Deutsche Waisenkinder im östlichen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg

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Forschungsprojekt von Teresa Willenborg

 

Infolge der Kriegs- und Nachkriegsereignisse galten 1947 ca. 200.000 deutsche Kinder als vermisst.
In Polen lebten zu dieser Zeit ca. 57.000 elternlose deutsche Kinder, die in den staatlichen Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen, kirchlichen Anstalten oder in Pflege- und Adoptivfamilien untergebracht waren. Viele elternlose Kinder, deren Identität unklar war, erhielten einen neuen Namen.
Das anvisierte Projekt fokussiert die Sozialfürsorge für elternlose und bedürftige deutsche Kinder in Polen zwischen 1945-1950.
Das Nachkriegsmodell der Sozialfürsorge war einerseits von Bestrebungen des polnischen Staates zur Einführung einer autoritären/paternalistischen Fürsorgepolitik und anderseits von miteinander konkurrierenden politischen und pädagogischen Erziehungsdiskursen und -praktiken geprägt. Politische, wissenschaftliche und administrative Aspekte werden miteinander in Beziehung gesetzt, um das Geflecht von Grundpositionen, Rollen, Tätigkeitsfeldern, Kompetenzen und Handlungsspielräumen der staatlichen und nichtstaatlichen Akteure – Kirche, gemeinnützige Verbände und Pflegefamilie – im Bereich der Sozialfürsorge zu untersuchen.
Der Fokus liegt auf Fragen nach dem Umgang mit elternlosen deutschen Kindern, deren Wohlergehen sowohl von Erfahrungen und Folgen des Krieges, als auch von der sich konstituierenden sozialistischen Gesellschaftsordnung bestimmt war. Darüber hinaus wird die Position deutscher elternloser Kinder in der Rangordnung des institutionalisierten Fürsorgesystems der Volksrepublik Polen dargestellt.
Zu den wesentlichen Bestandteilen des Fürsorgekonzeptes gehörten im sozialistischen Polen Erziehung und Bildung der elternlosen Kinder. Das Augenmerk der geplanten Studie richtet sich hier auf Fragen nach Traditionslinien und -konitinuitäten, pädagogische Autoritäten und Vorbilder sowie Ziele pädagogischer Erziehungs- und Bildungskonzepte.


In den Blick genommen werden die nationalen (polnischen) Interessen und sowjetische Erziehungsmuster und -praktiken. Diese duale Darstellung von Planung und Konzeptualisierung bildungspolitsicher Maßnahmen ermöglicht es, die Diversität von Erziehungsvorgaben und
-strategien sowohl in den staatlichen elitären „Institutionen neuen Typs“ – die als „soziales Laboratorium“ fungierten, als auch in den nichtstaatlichen Pflege- und Erziehungseinrichtungen aufzuzeigen und nach den Auswirkungen der Maßnahmen auf die Betroffenen – deutsche Kinder - selbst zu fragen.
Das Vorhaben untersucht darüber hinaus in vergleichender Perspektive die Fürsorge für elternlose deutsche Kinder im Nachkriegsrumänien. Aufgrund der anders gelagerten politischen Situation vor und nach dem Zweiten Weltkrieg stellt Rumänien einen Kontrastfall dar, der sich für komparatistische Ansätze eignet. Der Fokus liegt auf der Waisenfürsorge elternloser, bedürftiger deutscher Kinder, die im institutionalisierten und pflegefamiliären Kontext erfolgte.
Durch den multisektoralen Zugriff (Fürsorge- und Sozialpolitik, Rechtsvorschriften, Bildung und Erziehung, Kirche, Vereine und Gesellschaft) werden Parallele und Unterschiede in den jeweiligen Fürsorge- und Erziehungskonzepten Polens und Rumäniens herausgearbeitet.
Die erhobenen Befunde lassen sich in Forschungskontexte zur Nachkriegskindheit, zur social welfare in den realsozialistischen Gesellschaften Europas einordnen und bringen neue Erkenntnisse über die dort betriebene Sozialfürsorge für (deutsche)Waisenkinder.