Socialist Ports

Projekt: Hamburger Hafen (Lemmen)

Ein Loch im Eisernen Vorhang.
Der tschechoslowakische Hafen in Hamburg während des Kalten Krieges.

 

Ein Projekt von Dr. Sarah Lemmen

Eine Projektbeschreibung 

 

Auf der Basis des im Versailler Vertrag festgeschriebenen Rechts auf einen Zugang zum Meer erhielt die Tschechoslowakei im Jahr 1928 ein Gebiet im Hamburger Hafen, das etwa 42.000 m² umfasste und zu einem zentralen Umschlagplatz der für den Weltmarkt bestimmten tschechoslowakischen Güter wurde. Dieses tschechoslowakische „Tor zur Welt“ in Hamburg erhielt mit der europäischen Nachkriegsordnung und dem Beginn des Kalten Kriegs eine ganz neue Funktion: Während weiterhin die wirtschaftliche Bedeutung unbestritten blieb, wurde das Hafengebiet nun zusätzlich zu einem sozialistischen Außenposten inmitten von Hamburg und zu einem Laboratorium sozialistischer Gesellschaftsformen im Kleinformat und deren Auseinandersetzung mit westlichen Ideen, Einflüssen und Konfrontationen.

 

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Dieses tschechoslowakische Hafengebiet in Hamburg, mit zahlreichen tschechischen Arbeitern, Schiffern, Verwaltungsangestellten und deren Familien, aber auch mit regelmäßigem und unkontrollierbarem Kontakt zur „westlichen“ Welt sowie unter scharfer Beobachtung staatlicher Organe aus Ost und West, war während des gesamten Kalten Krieges ein Hort der Auseinandersetzung und der Mediation zwischen Ost und West. Diese konstante Konfrontation der Systeme erzeugte einen Mikrokosmos, in dem Fragen nach ideologischer Überzeugungskraft, staatlicher Kontrolle sowie grenzüberschreitendem Transfer täglich verhandelt wurden. Anhand dieses Mikrokosmos Hafen mit seiner spezifischen und exponierten Lage an der Grenze des Kalten Krieges sollen in diesem Projekt exemplarisch grundlegende Fragen zum Funktionieren von Gesellschaft und Staat im Sozialismus sowie im Kontext der Blockkonfrontation gestellt werden. Somit ist dies eine kultur- und gesellschaftshistorische Arbeit über Lebenswelten, Ideologie und Staatlichkeit im Kalten Krieg im Kontext von (offenen) Blockgrenzen und deren alltäglicher Überschreitung. Der zeitliche Schwerpunkt des Projekts wird auf die Phase von der direkten Nachkriegszeit in den 1940er Jahren bis in die 1990er Jahre gelegt, insgesamt umfasst das Projekt aber die gesamte Planung und Existenz des tschechoslowakischen Hafens von 1919 bis heute. Somit sollen nicht nur die Akteure und Strukturen während des Kalten Krieges, sondern auch zur Zeit der Entstehung, Abwicklung und Umwandlung des tschechoslowakischen/tschechischen Hafens in den Blick genommen werden.

 

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Auf der Basis von Archivmaterial (staatliche/geheimdienstliche, städtische, unternehmerische Archivquellen in Deutschland und der Tschechischen Republik) sowie anhand von Oral History (v.a. mit tschechischen und deutschen Hafenarbeitern und Binnenschiffern sowie mit deren Familien) sollen drei Ebenen betrachtet und miteinander verwoben werden: Auf der Mikroebene werden die Lebenswelten der Schiffer und Hafenarbeiter in den Blick genommen, wenn nach deren Alltag zwischen Ost und West, nach Kontrolle und Freiheit, nach Herrschaft und Eigensinn gefragt wird. Demgegenüber steht auf der Makroebene die staatliche Überwachung des Hafens in Hamburg. Auf der Mesoebene stehen dagegen Akteure im Fokus, die jeweils aus unterschiedlichen Interessen die Konflikte des Kalten Krieges auf ökonomischer oder lokalpolitischer Ebene moderierten und die wesentlich direkter in die Lebenswelten der Arbeiter eingriffen.

Keiner von diesen Akteuren sah sich im Zweifelsfall bewusst als Moderator zwischen Ost und West. Das Funktionieren des tschechoslowakischen Hafens in Hamburg aber war für alle Beteiligten von großem Interesse. Somit gehörte Konfliktmoderation im Kalten Krieg zum alltäglichen Geschäft auf allen Ebenen: von staatlichen Funktionären über städtische und wirtschaftliche Repräsentanten in Ost und West bis hin zu den Arbeitern und Schiffern selbst.

 
 
 
 

Call for Papers: Socialist Ports in a Global Perspective Rijeka, May 31-June 1, 2019

 

A Workshop at the University of Rijeka, Croatia,

on May 31-June 1, 2019

A joint workshop by Ulf Brunnbauer (IOS Regensburg), Brigitte Le Normand (University of British Columbia), Sarah Lemmen (University of Kiel), and Vjeran Pavlaković (University of Rijeka). 
 

 

Ports hold a special position in economic, social and political aspects of modern societies; ports in socialist countries possibly even more so. In a political system that preferred closed borders, ports symbolized the “gates to the world”; in an economic system that was thoroughly planned, ports became the main contact point for global trade outside of a planned economy. In many ways, socialist ports were places of exception: heightened contact with the rest of the world went hand in hand with heightened control; the relative permeability of ports as border regions allowed for intensified smuggling, black marketeering or defection. Because of their permeable nature, ports – as well as shipyards – may be considered places of increased potential for political protest and dissent.

This workshop aims to discuss the functions, specifics and regional embeddedness of socialist ports throughout the 20th century in a global perspective. We focus on the locality (socialist ports as specific economic, political or social locations, as part of a port city, as part of an international network), on the agents (e.g. national and local authorities, workers and sailors within a highly international working environment), as well as on networks (between ports both socialist and non-socialist, as well as the interface between ports and other entities, such as railways) and on changes and continuities during (economic, political, social) transformations. Finally, we inquire into the general concept of a “socialist port”.

We invite abstracts (max. 500 words) for papers focusing on socialist ports throughout the world. Workshop participants should be prepared to send in their full papers a month before the workshop.

The organizers will cover the cost of accommodation. Pending the results of funding applications, we hope to also provide a subsidy toward travel costs.

Please send your abstract by Dec. 10, 2018, to Dr. Sarah Lemmen (Lemmen@oeg.uni-kiel.de) and Dr. Brigitte Le Normand (brigitte.lenormand@ubc.ca).

 

You can also download this Call for Papers as PDF.